Ursprünglich war diese Tour im Juni als Streckenwanderung auf der 2. Etappe des Wildnis-Trails zwischen Einruhr und Gemünd geplant.

Corona-bedingt, um die Busrückfahrt zu vermeiden, ging es jetzt mit Wf. Helga Giesen, unterstützt von Rolf Berger, nur bis Wollseifen über die Originalstrecke und dann auf anderen Wegen über die Dreiborner Hochfläche zurück nach Einruhr.
Wir verließen Einruhr durch die Rurstraße, die den nach der Aufstockung erhalten gebliebenen historischen Ortsteil darstellt. Hier waren einige erhaltene und liebvoll gepflegte Fachwerkhäuser aus dem 17. Jh. zu sehen, darunter auch die typischen Winkelhofanlagen.
Das Wildkatzen- Logo, das uns bis Wollseifen begleitete, führte uns aus dem Ort heraus zur ersten Steigung und über einen idyllischen Pfad wieder hinab an des Seeufer bei Jägerweiler. Hier beginnt der Nationalpark Eifel. Zunächst ging es noch einigermaßen eben am Seeufer entlang – hier fand sich auch ein schönes Plätzchen für die Bananenpause – , kurz vor Erreichen der Urftstaumauer wurde es dann ernst und der recht steile Aufstieg zur Dreiborner Hochfläche begann. Mit Erreichen der Hochebene bot sich ein beeindruckender Blick auf Vogelsang und wenig später auch auf die Wüstung Wollseifen, das Ziel für unsere wohlverdienten Mittagpause. Der örtliche Wanderweg 45 führte die 11 Wanderfreunde durch Brachflächen mit grandiosen Aussichten, Wald und Wiesen wieder zurück nach Einruhr. Am Heilsteinbrunnen konnte zum Abschluss noch das bekannte Mineralwasser gekostet werden,
Nach der Hitze der vergangenen Tage war das Wetter für diese Wanderung recht angenehm, hin und wieder ein paar Regentropfen haben da kaum gestört.

 

Einruhr
Einruhr gehört erst seit der Kommunalen Neugliederung 1972 zu Simmerath und damit zur Städteregion (früher Kreis) Aachen. Vorher war es Ortsteil von Dreiborn und gehörte somit zum damaligen Kreis Schleiden (seit 1972 Kreis Euskirchen).
Bodenfunde lassen darauf schließen, dass Einruhr schon in römischer Zeit besiedelt war und auch das Wasser der Heilsteinquelle schon genutzt wurde, aber genaue Belege dafür fehlen.
1470 wurde das Hammerwerk Pleushütte gegründet, und es entwickelte sich der gleichnamige Ort. Parallel dazu dürfte auch der Wohnplatz „op er Rur“ Einruhr entstanden sein. Eine Brücke am Rurübergang mit Namen Sent Nyclaesbrugge taucht 1516 auf, St. Nikolaus ist der Patron von Einruhr, auch ein Schiff der Rurseeflotte heißt so. Namentlich genannt ist Einruhr erst ab 1751 im Zusammenhang mit Bau und Weihe einer Kapelle als Filialkirche von Wollseifen. Der 1911 eingeweihte Kirchenneubau St. Nikolaus überstand zwar den Krieg noch unversehrt, stürzte aber 1947 wegen Baufälligkeit ein. Die neu gebaute, heutige Kirche wurde 1950 eingeweiht.
Mit der Aufstockung der Rurtalsperre (1934 bis1938, Ausbau 1955 bis1959) versanken Einruhr und Pleushütte zu einem großen Teil im Obersee, beide Orte wurden völlig neu gestaltet und entwickelten sich in der Folge zu den heute bekannten Touristenmagneten.

Wollseifen
Der Bau der Urfttalsperre (bei der Fertigstellung 1905 die größte und modernste Talsperre Europas) brachte dem landwirtschaftlich geprägten Dorf neue Arbeitsplätze. Schon vor dem 1. Weltkrieg brachte auch der einsetzende Tourismus einen bescheidenen Wohlstand, es gab um die 100 Ferienhäuser. Schon früher als viele Orte in der Umgebung konnte Woillseifen von neuen technischen Errungenschaften profitieren, z. Bsp. gab es hier schon 1922 Strom und Wasser (in Roetgen Strom ungefähr um die gleiche Zeit, eine Wasserleitung aber erst 1956!). In den 1930er Jahren fanden viele Dorfbewohner auch Arbeit beim Bau der „Ordensburg“ Vogelsang. 1944 wurde Wollseifen bombardiert und stark zerstört. Kaum hatten die aus der Evakuierung zurückgekehrten Bewohner ihr Dorf notdürftig wieder aufgebaut, standen sie 1946 vor dem endgültigen Aus. 1946 beschloss die britische Militärregierung die Einrichtung eines Truppenübungsplatzes. Anfang August erhielten die ca. 120 Familien den Befehl, bis zum 1. September das Dorf zu räumen. Die Briten nutzten in der Folgezeit die Häuser als Ziele für Schießübungen. Dadurch und durch Brände wurden die verlassenen Bauernhöfe nach und nach zerstört und später mit Ausnahme eines unzerstört gebliebenen Trafohäuschens sowie der Ruinen der Kirche, des ehemaligen Schulgebäudes und einer am Dorfrand liegenden Kapelle abgetragen. Die Kirche brannte 1947 aus, wodurch die gesamte Innenausstattung verloren ging. 1950 wurde der Truppenübungsplatz an die belgischen Streitkräfte übergeben. Diese errichteten in den 1980er Jahren ca. 50 „Kulissenhäuser“, um Straßenkampf zu üben (Kosovo-Krieg). 2006 zogen auch die Belgier ab und Wollseifen wurde Teil des neuen Nationalparks Eifel. Kirche und Schule wurden restauriert und sind heute Gedenkstätten, wegen Corona zurzeit leider geschlossen. Von den Kulissenhäusern blieben ca. 20 aus Denkmalschutzgründen erhalten.

Heilsteinquelle
Die Heilsteinquelle wurde 1822 sozusagen wiederentdeckt von einem preußischen Finanzbeamten namens Franz Theodor Hubert Hons, der in Monschau Dienst tat. Neben einigen Brunnen im Raum Bad Neuenahr, die bereits damals einen schwunghaften Handel mit „Mineralwasser“ betrieben, waren in der Region nur die Quellen von Spa und Chevron (Marke Bru) bekannt. Der Versand von Apollinaris begann erst 1851, der von Aachener wie auch von Gerolsteiner Wasser erst Ende des 19. Jahrhunderts.
Bevor Glasflaschen Einzug hielten, wurde das Wasser in Krügen verkauft, die aus dem „Kannebäcker Land“ (Westerwald) stammten. Hons versuchte es mit näher gelegenen Töpfereien wie Raeren oder Langerwehe, doch die konnten in Preis oder/und Qualität nicht konkurrieren. Insgesamt hatte Hons die Sache, geblendet von Erfolgen von z. Bsp. Spa und wohl auch infolge einer Geisteskrankheit, die Sache zu optimistisch (größenwahnsinnig) betrachtet. Er wollte u. a. mithilfe eines Kannebäckers aus Niederselters eine eigene Krugfabrikation in Kornelimünster aufbauen. Aber während Niederselters im Jahr 1829 1,53 Millionen Krüge Mineralwasser verkaufte, brachte es Hons mit der Heilsteinquelle auf gerade einmal 3.600. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten sich noch einige weitere Pächter an dem Vertrieb von Heilsteinwasser, erlitten aber ebenfalls Schiffbruch. 2003 wurde der mit Quellwasser gespeiste Heilsteinbrunnen im Innenhof der heutigen Touristeninformation erbaut, seit 2006 ist auch die unterhalb von Wollseifen auf dem Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes gelegene Heilsteinquelle wieder zugänglich. [Quelle: JML 41 (2013)]

Helga Giesen

Fotos: R. Berger.  Streckenaufz. : H. Giesen. Zusammenst./Aufber.: K. Heidtmann